Zwischen eins und vier


Mit den Jahren werden die Nächte, in denen man durchschläft, seltener und die frühen Morgenstunden häufiger. Viele Menschen, die nachts wach liegen, plagt eine innere Unruhe. Alex hingegen genießt diese Stunden. In dieser Zeit kommt sein Kopf zur Ruhe, und im Tonstudio entstehen neue Songs.

Lange, reizüberflutete Tage sind für Menschen mit ADHS eine Herausforderung, besonders wenn Lärm, Licht und soziale Interaktionen zusammenkommen. Da Alex keinerlei Medikamente nimmt, hat er schon in seiner Jugend eigene Strategien entwickelt, um den Alltag zu meistern. Wenn abends die Sonne untergeht, das Leben auf den Straßen leiser wird und der Lärm verebbt, entsteht aus der Stille eine Energie, die in kreative Bahnen gelenkt werden will.

Früher war der Schlaf der Menschen in zwei Abschnitte geteilt, unterbrochen von einer nächtlichen Wachphase. Dieser biphasische Schlaf war ein fester Bestandteil des Lebens, bis die Industrialisierung ihm ein Ende setzte. Heute gelten unfreiwillige nächtliche Wachstunden als Schlafproblem und werden als Störung behandelt. Dabei verarbeitet ein neurodivergentes Gehirn Informationen, Reize und Emotionen ohnehin auf eine Weise, die von der gesellschaftlichen Norm abweicht.

Wenn in den Häusern die letzten Lichter erlöschen, geht im Tonstudio von Galvin & Hölzl das Licht an. Der Raum ist akustisch so gut gedämmt, dass Elke von der Musik nicht geweckt wird. Während Alex seine Gedanken sortiert, pflegt er zunächst seine Gitarren und spielt ein paar Riffs, die ihm in den Sinn kommen. Daraus formt er Melodien, die er summt, zupft und mit ersten Textzeilen verbindet. Ein festes Prozedere gibt es dabei nicht, denn jedes Lied entsteht auf seine eigene Weise. Mal ist zuerst der Refrain da, mal eine Strophe, mal als Melodie, mal als Worte.

Für Alex sind diese Stunden ein Geschenk: Sein Hyperfokus setzt eine kreative Energie frei, die er nutzt, um die Ideen, mit denen er aufwacht, festzuhalten und musikalisch umzusetzen. Zugleich ist die Arbeit an den Songs für ihn ein Ventil, um den Stress des Tages zu verarbeiten. Derselbe Hyperfokus, gepaart mit beharrlicher Zielstrebigkeit und der Freude an der Musik, half ihm auch, sich in kürzester Zeit Gitarre, Gesang, Notenlesen und Songwriting anzueignen – ganz ohne Musikschule.

In der Musik findet Alex den Halt, den er in einer neurotypisch geprägten Welt braucht. ADHS sieht er nicht als Einschränkung, sondern als festen Bestandteil seiner Identität. Den Hyperfokus empfindet er als Superkraft, mit der er sich Dinge, die ihn begeistern, schneller und tiefer aneignet, als es vielen anderen möglich ist. Nach ein paar Stunden im Keller kehrt die Ruhe ein, die er braucht, um wieder einschlafen zu können. Und genau das tut er dann, bis am Morgen der Wecker läutet.

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung) ist eine neurodevelopmentale Entwicklungsstörung, die meist in der Kindheit beginnt und oft bis ins Erwachsenenalter andauert. Etwa 2-4% der Erwachsenen sind davon betroffen. Bei einem Teil der Betroffenen ist ADHS einfach nur eine Normvariante menschlichen Seins, mit großen Fähigkeiten und Begabungen. Andere leiden ausgeprägt unter den Schattenseiten der ADHS und erleben damit in ihrem Leben viele Niederlagen und Misserfolge.

Wenn dich Sorgen belasten oder du ADHS bei dir vermutest, hol dir bitte Hilfe. Du musst das nicht allein tragen.
Telefonseelsorge 142 · Psychiatrische Soforthilfe Wien 01 31330 · Notfall 144

Mehr Informationen: ADHS Infoportal | Gesundheit.gv.at